Mittwoch, 19. dezember 2007
im Kulturbetrieb erlebt habe, spottet jeder Beschreibung. Ich überlege noch, ob und wie ich den Irrsinn hier oder anderswo dokumentieren kann. Denn auch in unserer Demokratie gilt: Weistu was, so schweig. 
von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Eventkultur
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Montag, 17. dezember 2007
beginne  ich mich  ganz allmählich wohlzufühlen, obwohl, soweit ich das der Statistik entnehmen kann, noch kein einziger Overblogger dieses Blog besucht hat. Alle scheinen nur mit sich selbst beschäftigt zu sein, ganz wie im wirklich wahren Leben. Aber ich bin mir sicher, daß dieses Blog nicht nur eines von vielen ist; denn es thematisiert ein Tabu: das Tabu des Älterwerdens der ersten Generation, die den 68ern folgte und sie in Frage stellte, ja es sogar wagte, über die »boring old farts« zu witzeln. Doch inzwischen sind die Punks der ersten Stunde selbst Kandidaten fürs Altersheim und wollen das genausowenig wahrhaben wie die 68er-Senioren. Darum geht es in diesem Blog, auf dessen Besucherzahlen ich eben deshalb sehr gespannt bin. Werden meine bloggenden Altersgenossen es lesen oder ignorieren?
von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Intern
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Montag, 17. dezember 2007

»Was du mir erzählt hast, habe ich mit größer Anteilnahme gehört«, sagte mir gestern abend meine auswärts lebende Freundin S., der ich am Telefon berichtet hatte, daß die Leute um mich herum ganz allmählich vergreisen. Doch leider konnte ich nicht glauben, was sie sagte; denn während ich sprach, spürte ich jenen stummen Widerwillen, den ich bei fast allen spüre, die sich insgeheim getroffen fühlen, wenn ich ihnen erzähle, daß mich das Desinteresse der meisten meiner Altersgenossen deprimiert. Wie denn auch hätte diese Freundin sich nicht getroffen fühlen sollen? Auch mit ihr kann ich nur über Dinge reden, die sie interessieren; und das sind ausschließlich Dinge, die nicht mit ihrer Religiosität kollidieren. Was mich gestern besonders gefreut hat, konnte ich nicht mit ihr teilen. Es war das Konzert einer Band, die erst gegründet wurde, nachdem meine Freunde es aufgegeben hatten, sich für neue Musik zu interessieren; das Konzert einer Band, deren Auftritte so kathartisch wirken wie ein Gottesdienst. Doch was nicht sein kann, darf nicht sein, schon gar nicht für S. Rockmusik im weitesten Sinne ist für sie etwas Böses, so daß ich es aufgegeben habe, mit ihr darüber zu reden. Für meine übrigen Freunde wiederum ist neue Rockmusik nur etwas, wovon sie glauben, daß sie es nicht kennen müßten. Sie haben doch schon so viele Platten und so viele Bands gesehen. Wozu an einem ungemütlich kalten Dezemberabend noch einmal nach draußen gehen und in einer Diskothek bei wummernder Musik vom Band von der Festplatte eine ganze Stunde auf den Beginn eines Konzerts zu warten? S. ist nicht die Frau, die nachvollziehen könnte, welche Pein es mir bereitet, daß keiner meiner Freunde sich jemals dazu hat aufraffen können, besagte Band zu sehen, die jedes Jahr vor Weihnachten in meiner Stadt gastiert. »Ich hab keine Lust, so weit zu fahren«, sagte mir vor einem Jahr mein Freund D., der selbst einmal in einer Band gespielt hat, mit mir zusammen; und deshalb hatte ich diesmal keine Lust mehr, ihn noch einmal zu beschwören, die lohnende Mühe auf sich zu nehmen: wenn auch vielleicht nur, um mir mir gemeinsam etwas zu erleben, um des Erhalts unserer Freundschaft willen; dazu noch etwas, das zu erleben sich lohnt.

Nein, das alles konnte ich meiner Freundin S. nicht erzählen, weil sie
nicht nachvollziehen kann, was es mir bedeutet, alle Jahre wieder diese Band zu sehen, deren Namen ich hier nicht nennen darf, um meine Anonymität im Netz nicht zu gefährden. Ich hingegen kann sehr gut nachvollziehen, was es S. bedeutet, Weihnachten in die Kirche zu gehen. Und wenn ich etwas, das sie betrifft, nicht nachvollziehen kann, dann bemühe ich mich darum: etwa indem ich Bücher lese, die ihr wichtig sind und die meinen Horizont erweitern. Wann aber hat sie jemals, um mich oder andere verstehen zu können, sich mit dem beschäftigt, was mir oder anderen wichtig ist? Nicht ein einzigesmal. Eben daher hat sie, seitdem ich sie kenne, fast nichts dazugelernt. Dennoch lernt sie zur Zeit sehr viel; denn sie muß es lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen. In diesem Jahr hat sie erfahren, daß sie Krebs hat. Doch ihren Seelenkrebs hatte sie schon lange vorher: die Angst vor allem, was ihr Weltbild in Frage stellt. Angst essen Seele auf. Und an dieser Angst vor allem, was neu ist und daher bedrohlich, leiden fast all meine gleichaltrigen Freundinnen und Freunde. Es ist die Angst vorm Älterwerden. Diese panische Angst äußert sich nicht nur darin, daß manche meiner Freundinnen und Freunde sich privat allem verweigern, woraus sie etwas lernen könnten. Zwei meiner alten Freunde versuchen derzeit, sich neu zu erfinden, und zwar als »Künstler«, weil sie als 1-€-Jobber zufällig in die entsprechenden Kreise hineingeraten sind. Aber das ist eine andere Geschichte.

von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Boring Old Farts
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Sonntag, 16. dezember 2007

An diesem 3. Advent höre ich, wie stets zu dieser Zeit, Alte Musik im Radio, ganz ungestört, weil mich sonntags kaum noch jemand anruft, auch nicht an diesem Sonntag, obwohl es Gründe gäbe, weil ich zu denen gehöre, die immer etwas Neues zu erzählen haben. Doch wer über 40 ist und selbst nichts zu erzählen hat, der fürchtet sich davor, indirekt gesagt zu bekommen, daß er ein Langweiler geworden ist, sofern er nicht schon immer einer jener Menschen war, die darauf angewiesen waren, sich unterhalten zu lassen, und deshalb darauf aus, mit mir befreundet zu sein; denn ich galt stets als »anregend«. Wer mit mir befreundet war, brauchte sich um nichts zu kümmern, sondern mußte mir nur zuhören, um zu erfahren, welche Schallplatte hörenswert, welches Buch lesenswert, welcher Film sehenswert sei. Sie zogen los und kauften, was sie bei mir gehört und gesehen hatten; doch sie konsumierten es nur, ohne es geistig zu verarbeiten. Dies wurmte mich bereits vor 25 Jahren, als ich zum erstenmal beschloß, sie selbst suchen zu lassen und daher, wenn sie zu mir kamen, manch eine neue Platte oder ein neues Buch vor ihnen versteckte, in der Hoffnung, sie würden selbst auf Entdeckungsreise gehen. Aber letztlich wußte ich, daß sie es nicht tun würden; und tatsächlich haben sie es nicht getan, sondern nur darauf gewartet, jemand anderem zu begegnen, der sie »anregen« würde. Einer hat es immerhin geschafft. Er hört jetzt Elvis Presley, weil sein bester Kumpel auf dem Elvis-Trip ist. All die anderen sehen am liebsten fern, hocken daddelnd am Rechner, lesen Bestseller und sind unzufrieden mit der Welt, wie meine Freundin G., die neulich ihr Radio zum Sperrmüll geben wollte. »Warum denn das?« fragte ich, woraufhin sie sagte: »Es gibt ja nichts mehr im Radio. Es gibt ja nur noch überall Gedudel.« Ja, das ist wahr und doch nicht wahr. Denn es gibt immer noch ein paar Kultursender, die nach 20 Uhr eine Menge Gutes bringen. Man muß sich nur die Mühe machen, einmal auf ihre Webseiten zu kucken. Aber diese Mühe ist meinen Freunden zu groß. Wenn es keinen gibt, der für sie nachsieht und ihnen sagt, was sie interessieren könnte, dann gibt es eben nichts im Radio. Und im Grunde wollen sie auch gar nichts Neues hören, am allerwenigsten von mir; denn was ich zu erzählen habe, strengt sie zu sehr an, und im Gespräch mit einem Menschen kann man nicht einfach auf den Knopf drücken und abstellen.

Aber halt! Man kann es doch. Wenn ich mit manchen meiner Freunde spreche, dann spüre ich ganz deutlich, wie die Klappe runtergeht, wenn ich etwa sage, das sie nicht hören wollen. Kennen Sie das auch, dieses seltsame Gefühl, als täte sich zwischen ihnen und einem anderen ein kalter schwarzer Abgrund auf; als wäre ihr Gesprächspartner zwar noch physisch anwesend, aber nicht mehr auf Sendung? Derlei Situationen gibt es immer öfter zwischen mir und meinen Freunden, je älter wir werden und je weiter ich mich von ihnen entferne, weil sie des Voranschreitens müde und daher längst auf der Strecke geblieben sind und ich es endgültig müde bin, ihnen als Guru zu dienen. Deshalb sitze ich nun, am 3. Advent 2007, allein in meinem Zimmer, so allein wie vor 42 Jahren, als ich 10 war und niemanden kannte, der empfand, was ich empfand, wenn es Still I’m Sad von den Yardbirds im Radio gab. Es war, wie inzwischen jeder meiner Altersgenossen weiß, eine große Zeit; doch sie waren nicht auf Sendung, so wie heute nicht, in unserer großen Zeit des Niedergangs, die ich als einzige von uns bewußt erlebe, weil ich als einzige von uns noch lebe und nicht nur dumpf dahinvegetiere wie all meine Freunde, die, riefe ich sie jetzt an, mich nicht fragen würden, was es zu fragen gäbe. »Ich fände es schön, wenn du mich einmal fragen würdest, was es bei mir Neues gibt«, sagte ich vor Jahren meiner Freundin G. »Warum denn?« fragte sie zurück. »Du erzählst doch immer alles.«

So kam es, daß ich mich zurückgezogen habe, um einmal zu testen, ob meine Freunde merken, daß ich ihnen nichts mehr erzähle, jedenfalls nicht dann, wenn sie mich nicht fragen. Nur den allerwenigsten scheint es aufgefallen zu sein; zumindest fragen sie nicht nach, wohl in der Annahme, ich hätte nichts zu erzählen, so wie sie, die Modepunks von gestern, die Boring Old Farts von heute.

von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Boring Old Farts
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Sonntag, 16. dezember 2007
Endlich  habe ich es geschafft, meinen  Header zu integrieren. Zwar mißfallen mir noch die grauen Ränder; aber vielleicht werde ich das auch noch hinkriegen. Jetzt aber mache ich erstmal etwas anderes, während meine Freunde Tatort kucken. 
von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Blogtechnisches
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Sonntag, 16. dezember 2007
Gestern war es soweit. Gestern ist mir der Kragen geplatzt. Eine abgenutzte Metapher, ich weiß; aber das ist mir scheißegal. Irgendwo auf dieser Welt muß es einen Ort geben, an dem ich so reden kann, wie mir der Schnabel gewachsen ist: mir, einer *edit* Bloggerin, die in ihren Blogs nicht alles schreiben kann, was sie gern schriebe, weil es einige Menschen betrifft, mit denen sie befreundet ist und denen sie gerade deshalb nicht alles sagen kann, was sie zu sagen hätte. »Ja aber«, werden manche jetzt einwenden, »Freunden kann man doch alles sagen. Wenn nicht, dann sind es keine Freunde.«

Jajaja, das ist ist schon wahr, zumindest theoretisch. Doch in der Praxis sieht es anders aus: nämlich spätestens dann, wenn das Alter naht, so um die 40, und jeder Mensch in unseren Breiten noch eimal die Chance hat, seine zweite Pubertät zu durchleben; eine Phase also, die es ihm gestattet, sich noch einmal selbst zu reflektieren oder nicht. Stellt er sich dieser Aufgabe, wird er zu Ende geboren; stellt er sich ihr nicht, dann wird er so wie all jene, die ich während meiner ersten Pubertät geringschätzig als »die Erwachsenen« bezeichnet habe: also wie all jene Menschen, die schon mit 40 vergreist wirkten, weil sie alles zu wissen glaubten. Einer dieser Menschen, mein Musiklehrer, glaubte 1967 (als er 33 war) ganz genau zu wissen, daß die »Beatmusik« in 2 Jahren tot sein werde. Ich war damals 12 und wußte es besser. Ich wußte, daß ich lebenslang diese Musik hören würde, und zwar nicht nur die Musik des Jahres 1967, sondern auch die Musik der Zukunft. Ich konnte es mir nicht vorstellen, einmal so »erwachsen« zu werden, daß mich »die Jugend« nicht mehr interessiere würde. Ich wollte mir nicht vorstellen, was ich inzwischen seit Jahren erlebe: meine gleichaltrigen Freundinnen und Freunde als so dement zu empfinden wie einst meine Lehrer.

[Fortsetzung folgt.]
von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Editorial
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