Sonntag, 16. dezember 2007

An diesem 3. Advent höre ich, wie stets zu dieser Zeit, Alte Musik im Radio, ganz ungestört, weil mich sonntags kaum noch jemand anruft, auch nicht an diesem Sonntag, obwohl es Gründe gäbe, weil ich zu denen gehöre, die immer etwas Neues zu erzählen haben. Doch wer über 40 ist und selbst nichts zu erzählen hat, der fürchtet sich davor, indirekt gesagt zu bekommen, daß er ein Langweiler geworden ist, sofern er nicht schon immer einer jener Menschen war, die darauf angewiesen waren, sich unterhalten zu lassen, und deshalb darauf aus, mit mir befreundet zu sein; denn ich galt stets als »anregend«. Wer mit mir befreundet war, brauchte sich um nichts zu kümmern, sondern mußte mir nur zuhören, um zu erfahren, welche Schallplatte hörenswert, welches Buch lesenswert, welcher Film sehenswert sei. Sie zogen los und kauften, was sie bei mir gehört und gesehen hatten; doch sie konsumierten es nur, ohne es geistig zu verarbeiten. Dies wurmte mich bereits vor 25 Jahren, als ich zum erstenmal beschloß, sie selbst suchen zu lassen und daher, wenn sie zu mir kamen, manch eine neue Platte oder ein neues Buch vor ihnen versteckte, in der Hoffnung, sie würden selbst auf Entdeckungsreise gehen. Aber letztlich wußte ich, daß sie es nicht tun würden; und tatsächlich haben sie es nicht getan, sondern nur darauf gewartet, jemand anderem zu begegnen, der sie »anregen« würde. Einer hat es immerhin geschafft. Er hört jetzt Elvis Presley, weil sein bester Kumpel auf dem Elvis-Trip ist. All die anderen sehen am liebsten fern, hocken daddelnd am Rechner, lesen Bestseller und sind unzufrieden mit der Welt, wie meine Freundin G., die neulich ihr Radio zum Sperrmüll geben wollte. »Warum denn das?« fragte ich, woraufhin sie sagte: »Es gibt ja nichts mehr im Radio. Es gibt ja nur noch überall Gedudel.« Ja, das ist wahr und doch nicht wahr. Denn es gibt immer noch ein paar Kultursender, die nach 20 Uhr eine Menge Gutes bringen. Man muß sich nur die Mühe machen, einmal auf ihre Webseiten zu kucken. Aber diese Mühe ist meinen Freunden zu groß. Wenn es keinen gibt, der für sie nachsieht und ihnen sagt, was sie interessieren könnte, dann gibt es eben nichts im Radio. Und im Grunde wollen sie auch gar nichts Neues hören, am allerwenigsten von mir; denn was ich zu erzählen habe, strengt sie zu sehr an, und im Gespräch mit einem Menschen kann man nicht einfach auf den Knopf drücken und abstellen.

Aber halt! Man kann es doch. Wenn ich mit manchen meiner Freunde spreche, dann spüre ich ganz deutlich, wie die Klappe runtergeht, wenn ich etwa sage, das sie nicht hören wollen. Kennen Sie das auch, dieses seltsame Gefühl, als täte sich zwischen ihnen und einem anderen ein kalter schwarzer Abgrund auf; als wäre ihr Gesprächspartner zwar noch physisch anwesend, aber nicht mehr auf Sendung? Derlei Situationen gibt es immer öfter zwischen mir und meinen Freunden, je älter wir werden und je weiter ich mich von ihnen entferne, weil sie des Voranschreitens müde und daher längst auf der Strecke geblieben sind und ich es endgültig müde bin, ihnen als Guru zu dienen. Deshalb sitze ich nun, am 3. Advent 2007, allein in meinem Zimmer, so allein wie vor 42 Jahren, als ich 10 war und niemanden kannte, der empfand, was ich empfand, wenn es Still I’m Sad von den Yardbirds im Radio gab. Es war, wie inzwischen jeder meiner Altersgenossen weiß, eine große Zeit; doch sie waren nicht auf Sendung, so wie heute nicht, in unserer großen Zeit des Niedergangs, die ich als einzige von uns bewußt erlebe, weil ich als einzige von uns noch lebe und nicht nur dumpf dahinvegetiere wie all meine Freunde, die, riefe ich sie jetzt an, mich nicht fragen würden, was es zu fragen gäbe. »Ich fände es schön, wenn du mich einmal fragen würdest, was es bei mir Neues gibt«, sagte ich vor Jahren meiner Freundin G. »Warum denn?« fragte sie zurück. »Du erzählst doch immer alles.«

So kam es, daß ich mich zurückgezogen habe, um einmal zu testen, ob meine Freunde merken, daß ich ihnen nichts mehr erzähle, jedenfalls nicht dann, wenn sie mich nicht fragen. Nur den allerwenigsten scheint es aufgefallen zu sein; zumindest fragen sie nicht nach, wohl in der Annahme, ich hätte nichts zu erzählen, so wie sie, die Modepunks von gestern, die Boring Old Farts von heute.

von Seniorenkneifer - veröffentlicht in: Boring Old Farts
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