Montag, 17. dezember 2007
»Was du mir erzählt hast, habe ich mit größer Anteilnahme gehört«, sagte mir gestern abend meine auswärts lebende Freundin S., der
ich am Telefon berichtet hatte, daß die Leute um mich herum ganz allmählich vergreisen. Doch leider konnte ich nicht glauben, was sie sagte; denn während ich sprach, spürte ich jenen stummen
Widerwillen, den ich bei fast allen spüre, die sich insgeheim getroffen fühlen, wenn ich ihnen erzähle, daß mich das Desinteresse der meisten meiner Altersgenossen deprimiert. Wie denn auch hätte
diese Freundin sich nicht getroffen fühlen sollen? Auch mit ihr kann ich nur über Dinge reden, die sie interessieren; und das sind ausschließlich Dinge, die nicht mit ihrer Religiosität
kollidieren. Was mich gestern besonders gefreut hat, konnte ich nicht mit ihr teilen. Es war das Konzert einer Band, die erst gegründet wurde, nachdem meine Freunde es aufgegeben hatten, sich für
neue Musik zu interessieren; das Konzert einer Band, deren Auftritte so kathartisch wirken wie ein Gottesdienst. Doch was nicht sein kann, darf nicht sein, schon gar nicht für S. Rockmusik im
weitesten Sinne ist für sie etwas Böses, so daß ich es aufgegeben habe, mit ihr darüber zu reden. Für meine übrigen Freunde wiederum ist neue Rockmusik nur etwas, wovon sie glauben, daß sie es
nicht kennen müßten. Sie haben doch schon so viele Platten und so viele Bands gesehen. Wozu an einem ungemütlich kalten Dezemberabend noch einmal nach draußen gehen und in einer Diskothek bei
wummernder Musik vom Band von der Festplatte eine ganze Stunde auf den Beginn eines Konzerts zu warten? S. ist nicht die Frau, die nachvollziehen könnte, welche Pein es mir
bereitet, daß keiner meiner Freunde sich jemals dazu hat aufraffen können, besagte Band zu sehen, die jedes Jahr vor Weihnachten in meiner Stadt gastiert. »Ich hab keine Lust, so weit zu fahren«, sagte mir vor einem Jahr mein Freund D., der selbst einmal in einer Band gespielt hat, mit mir
zusammen; und deshalb hatte ich diesmal keine Lust mehr, ihn noch einmal zu beschwören, die lohnende Mühe auf sich zu nehmen: wenn auch vielleicht nur, um mir mir gemeinsam etwas zu erleben, um
des Erhalts unserer Freundschaft willen; dazu noch etwas, das zu erleben sich lohnt.
Nein, das alles konnte ich meiner Freundin S. nicht erzählen, weil sie nicht nachvollziehen kann, was es mir bedeutet,
alle Jahre wieder diese Band zu sehen, deren Namen ich hier nicht nennen darf, um meine Anonymität im Netz nicht zu gefährden. Ich hingegen kann sehr gut nachvollziehen, was es S. bedeutet,
Weihnachten in die Kirche zu gehen. Und wenn ich etwas, das sie betrifft, nicht nachvollziehen kann, dann bemühe ich mich darum: etwa indem ich Bücher lese, die ihr wichtig sind und die meinen
Horizont erweitern. Wann aber hat sie jemals, um mich oder andere verstehen zu können, sich mit dem beschäftigt, was mir oder anderen wichtig ist? Nicht ein einzigesmal. Eben daher hat sie,
seitdem ich sie kenne, fast nichts dazugelernt. Dennoch lernt sie zur Zeit sehr viel; denn sie muß es lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen. In diesem Jahr hat sie erfahren, daß sie Krebs hat.
Doch ihren Seelenkrebs hatte sie schon lange vorher: die Angst vor allem, was ihr Weltbild in Frage stellt. Angst essen Seele auf. Und an dieser Angst vor allem, was neu ist und daher bedrohlich,
leiden fast all meine gleichaltrigen Freundinnen und Freunde. Es ist die Angst vorm Älterwerden. Diese panische Angst
äußert sich nicht nur darin, daß manche meiner Freundinnen und Freunde sich privat allem verweigern, woraus sie etwas lernen könnten. Zwei meiner alten Freunde versuchen derzeit, sich neu zu
erfinden, und zwar als »Künstler«, weil sie als 1-€-Jobber zufällig in die entsprechenden Kreise hineingeraten sind.
Aber das ist eine andere Geschichte.